Fünf UX-Methoden, mit denen Sie Ihre Website verbessern – ohne direkt in den Relaunch zu gehen

4.6.2026

Viele Unternehmen wissen, dass ihre Website oder Plattform besser funktionieren könnte. Inhalte sind schwer auffindbar, Navigationspunkte wirken unintuitiv, Formulare brechen zu früh ab oder Nutzer:innen verstehen nicht sofort, was sie als Nächstes tun sollen.

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Dieser Artikel wurde verfasst von:

Kai Wermer

Die erste Reaktion lautet dann oft: Wir brauchen einen Relaunch.

Das kann richtig sein – ist aber nicht immer der erste notwendige Schritt. Denn viele UX-Probleme lassen sich bereits im laufenden Betrieb erkennen, priorisieren und verbessern. Entscheidend ist, nicht aus dem Bauch heraus zu optimieren, sondern Annahmen gezielt zu prüfen: Wo hakt es wirklich? Welche Inhalte werden nicht gefunden? Welche Begriffe sind missverständlich? Welche Schritte erzeugen Frust?

Gerade bei B2B-Websites, Plattformen, Portalen oder komplexen digitalen Angeboten ist UX kein reines Designthema. Gute UX entscheidet darüber, ob Menschen Informationen finden, Vertrauen aufbauen, Kontakt aufnehmen, Leads entstehen oder digitale Services regelmäßig genutzt werden.

Fünf Methoden helfen dabei, schnell und strukturiert Optimierungspotenziale zu identifizieren – ohne direkt den kompletten Relaunch starten zu müssen.

Methode #1: Synthetic Users

Synthetic Users sind KI-gestützte, interaktive Nutzerprofile. Anders als klassische Personas, die meist als statische Profile mit Zielen, Motivation, Verhalten und Kontext beschrieben werden, lassen sich Synthetic Users wie ein chatbarer Agent nutzen. Man kann ihnen Fragen stellen, Journey-Schritte simulieren oder erste Reaktionen auf Inhalte, Navigationslogiken und Funktionen durchspielen.

Das ist vor allem in frühen Projektphasen hilfreich. Synthetic Users können Teams dabei unterstützen, schneller Hypothesen zu entwickeln, unterschiedliche Zielgruppenperspektiven greifbarer zu machen und Workshops besser vorzubereiten. Sie helfen also nicht unbedingt dabei, sofort die richtige Antwort zu finden – aber sie helfen, schneller zu den richtigen Fragen zu kommen.

Wichtig ist jedoch: Synthetic Users sind kein Ersatz für echtes UX-Research. Wenn sie nur auf Annahmen oder generischen Zielgruppenbeschreibungen basieren, können sie sehr plausible, aber nicht belastbare Aussagen produzieren. Die Qualität hängt stark davon ab, ob echte Daten einfließen – etwa aus Interviews, Analytics, Sales- oder Support-Tickets – und ob die Ergebnisse später mit realen Nutzer:innen validiert werden.

Besonders geeignet für: Erste Hypothesen, Workshop-Vorbereitung, Zielgruppen-Szenarien und Research-Planung.
Ergebnis: Klare Annahmen, bessere Testfragen und ein strukturierter Einstieg in echte Nutzerforschung.

Methode #2: Card Sorting

Viele Websites wachsen über Jahre aus der Organisation heraus. Abteilungen, Produktbereiche, interne Zuständigkeiten und historisch gewachsene Begriffe prägen dann die Navigation. Für Unternehmen wirkt diese Struktur logisch. Für Nutzer:innen oft nicht.

Card Sorting setzt genau hier an. Bei dieser Methode sortieren Teilnehmende Begriffe, Themen, Inhalte oder Funktionen in Gruppen, die für sie logisch zusammengehören. Anschließend benennen sie diese Gruppen selbst. So wird sichtbar, wie Nutzer:innen Inhalte mental ordnen – und ob die bestehende Informationsarchitektur zu ihren Erwartungen passt.

Der eigentliche Wert liegt dabei nicht nur in der finalen Sortierung, sondern in der Entscheidungslogik der Nutzer:innen. Warum gehören bestimmte Themen zusammen? Welche Begriffe werden intuitiv verstanden? Welche Inhalte landen immer wieder in unterschiedlichen Gruppen? Genau daraus lassen sich wichtige Hinweise für Navigation, Kategorien und Wording ableiten.

Card Sorting eignet sich besonders, wenn Inhalte neu strukturiert, Kategorien überarbeitet oder Navigationspunkte verständlicher benannt werden sollen. Gerade bei komplexen B2B-Websites, Serviceplattformen oder Produktwelten hilft die Methode dabei, interne Logiken durch nutzernahe Strukturen zu ersetzen.

Besonders geeignet für: Navigation, Inhaltsstruktur, Kategorien, Produkt- oder Servicebereiche.
Ergebnis: Eine nutzernahe Informationsarchitektur und verständlichere Begriffe.

Methode #3: Tree Testing

Tree Testing prüft, ob eine Navigationsstruktur wirklich funktioniert – bevor Design, Layout oder visuelle Elemente ins Spiel kommen. Nutzer:innen erhalten konkrete Aufgaben und müssen Inhalte in einer rein textbasierten Struktur finden. Es gibt keine Screens, keine Bilder, keine Gestaltung. Nur den sogenannten „Tree“: also Kategorien, Unterkategorien und Labels.

Das macht die Methode besonders wertvoll. Wenn Nutzer:innen ein Ziel im Tree nicht finden, liegt das Problem sehr wahrscheinlich an der Struktur oder am Wording – nicht am Interface Design. So lassen sich missverständliche Labels, falsch platzierte Inhalte oder zu tiefe Navigationspfade schnell identifizieren.

Ein typisches Beispiel: Nutzer:innen sollen eine Rechnung finden, klicken aber zuerst auf „Profil“ statt auf „Abrechnung“. Das zeigt nicht nur einen falschen Klick, sondern ein tieferes Problem: Der Begriff „Abrechnung“ entspricht möglicherweise nicht dem mentalen Modell der Nutzer:innen. Vielleicht suchen sie eher nach „Rechnungen“, „Dokumente“ oder „Bestellungen“.

Gemessen werden unter anderem Erfolgsquote, Zeit, direkte Wege und Umwege. Besonders wichtig sind die Stellen, an denen Nutzer:innen wiederholt scheitern oder zögern. Diese sogenannten Label- oder Strukturprobleme können anschließend gezielt überarbeitet und erneut getestet werden.

Besonders geeignet für: bestehende oder neue Navigationen, Sitemaps und Menüstrukturen.
Ergebnis: konkrete Hinweise darauf, welche Inhalte gut auffindbar sind – und welche Begriffe oder Strukturen überarbeitet werden sollten.

Methode #4: Journey Mapping

Journey Mapping macht sichtbar, wie Menschen ein digitales Angebot tatsächlich erleben – vom Startpunkt bis zum Ziel. Dabei geht es nicht nur um einzelne Klicks oder Seiten, sondern auch um Erwartungen, Fragen, Emotionen, Hürden und Medienbrüche. Genau dadurch wird sichtbar, wo Nutzer:innen frustriert sind, unsicher werden oder abbrechen.

Wichtig ist ein klarer Fokus. Eine Journey Map sollte nicht versuchen, „alle Nutzer:innen auf der gesamten Website“ abzubilden. Besser ist ein konkretes Szenario: Eine Person möchte eine Information finden, ein Formular abschließen, ein Angebot vergleichen, eine Rechnung herunterladen oder eine Anfrage stellen. Erst durch diese Kontext-Lens wird die Analyse präzise.

Anschließend wird die Experience als Timeline abgebildet: Welche Schritte durchläuft die Person? Welche Touchpoints nutzt sie? Welche Fragen stellt sie sich? Wie verändert sich ihre Emotion? Aus diesen Beobachtungen entstehen Pain Points – und im nächsten Schritt echte Insights. Entscheidend ist, nicht nur Symptome festzuhalten, sondern Ursachen zu benennen.

Ein Pain Point könnte lauten: „Viele Nutzer:innen klicken zuerst auf den falschen Bereich.“ Der relevante Insight wäre: „Das verwendete Label entspricht nicht der Sprache der Nutzer:innen.“ Erst daraus lässt sich eine sinnvolle Maßnahme ableiten – zum Beispiel ein neues Wording, eine veränderte Struktur oder ein zusätzlicher Hinweis.

Besonders geeignet für: Lead-Funnels, Kundenportale, Serviceprozesse, Registrierungen und komplexe Nutzerwege.
Ergebnis: ein gemeinsames Verständnis der wichtigsten Hürden, Ursachen und Optimierungspotenziale.

Methode #5: A/B-Tests

A/B-Tests vergleichen zwei Varianten live miteinander. Nutzer:innen sehen zufällig Variante A oder Variante B. Danach wird gemessen, welche Version ein definiertes Ziel besser erreicht – etwa mehr Klicks, Downloads, Registrierungen, Anfragen oder abgeschlossene Prozesse.

Die Methode ist sehr wirkungsvoll, wird aber häufig zu oberflächlich eingesetzt. Viele A/B-Tests scheitern nicht am Tool, sondern an der Methodik: unklare Hypothesen, zu kleine Stichproben, zu kurze Laufzeiten, nachträglich ausgewählte Metriken oder zu viele Änderungen auf einmal. Dann entstehen Ergebnisse, die zwar gut aussehen, aber wenig belastbar sind.

Ein guter A/B-Test beginnt deshalb mit einer klaren Hypothese: Wenn wir X ändern, verbessert sich Metrik Y, weil Grund Z. Zum Beispiel: „Wenn wir das Formular verkürzen, steigt die Anzahl der Registrierungen, weil der wahrgenommene Aufwand sinkt.“ Danach wird eine konkrete Variante gebaut – idealerweise mit möglichst wenigen gleichzeitigen Änderungen, damit später nachvollziehbar bleibt, was tatsächlich gewirkt hat.

Ebenso wichtig ist die Definition der Metriken vor dem Start. Neben der Primary Metric sollten auch Guardrails berücksichtigt werden, etwa Ladezeit, Support-Anfragen oder qualitative Rückmeldungen. Besonders wertvoll werden A/B-Tests, wenn sie nicht aus spontanen Ideen entstehen, sondern auf Research, Analytics, UX-Audits oder Funnel-Daten basieren.

Besonders geeignet für: Landingpages, Formulare, CTAs, Funnel-Schritte und Conversion-Optimierung.
Ergebnis: messbare Evidenz, welche Variante besser funktioniert – und dokumentierte Learnings für weitere Optimierungen.

Rückschlüsse & Fazit

UX-Optimierung muss nicht immer mit einem kompletten Relaunch beginnen. Oft reicht ein gezielter Blick auf konkrete Fragen: Finden Nutzer:innen die richtigen Inhalte? Verstehen sie die Sprache der Website? Kommen sie ohne Umwege zum Ziel? Wo entstehen Frust, Unsicherheit oder Abbrüche?

Die fünf Methoden greifen dabei ineinander. Synthetic Users helfen bei der Hypothesenbildung. Card Sorting entwickelt nutzernahe Strukturen. Tree Testing prüft, ob diese Strukturen tatsächlich auffindbar sind. Journey Mapping zeigt Pain Points im gesamten Erlebnis. A/B-Tests validieren konkrete Verbesserungen im Live-Betrieb.

Der wichtigste Punkt: UX ist kein einmaliges Projekt, sondern ein kontinuierlicher Verbesserungsprozess. Wer regelmäßig testet, priorisiert und optimiert, macht aus einer Website mehr als eine digitale Broschüre – nämlich ein wirksames Business Asset.

Denn gute Websites und Plattformen sehen nicht nur gut aus. Sie werden verstanden. Sie führen Nutzer:innen zum Ziel. Sie schaffen Vertrauen. Und sie unterstützen messbar dabei, aus Aufmerksamkeit Interaktion, aus Interaktion Kontakt und aus Kontakt echte Business-Ergebnisse zu machen.

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